Das Baumhaus

Hinter den Wohngebäuden und Scheunen im Unterdorf, Nr. 5, stand eine große Birke. Um diese Birke herum hatte man gespaltenes und in Scheite zerkleinertes Brennholz aufgeschichtet und dieses mit einem provisorischen Dach abgedeckt.

 Eines Tages äußerte ich meinem Opa gegenüber den Wunsch, hoch oben im Gipfel der weit ausladenden Birke ein Baumhaus zu bauen. Schon war mein Opa in seinem Element.

Wir planten das Baumhaus bis in jede Einzelheit und malten uns dann aus, dass wir an einem sonnigen Sommertag mit einer Leiter unser Reich am Rande des Himmels erklettern und einweihen wollten. „Oma backt uns einen Kuchen und kocht Kaffee und Kakao“, sagte mein Opa.  „Kommt Oma auch mit in unser Baumhaus?“ – „Selbstverständlich!“, entgegnete mein Opa. Und schon malte er die Situation weiter aus: „Damit Oma dort in der Sonne keinen Hitzschlag bekommt, spannen wir ein Bettlaken über unserem Sitzplatz aus. Und damit Oma nicht herunterfällt, ziehen wir eine dicke Leine um den Platz herum.“ – „Wir brauchen doch auch noch Stühle und einen Tisch!“, sagte ich. Opa überlegte angestrengt, dann meinte er: „Wenn wir auf dem Feld essen und trinken, haben wir ja auch keine Möbel, sondern setzen uns auf die Erde. Ich meine, wir können uns da oben auch ganz einfach auf den Bretterboden setzen.“ Ich war damit einverstanden. Meine Oma, die unsere Planungen verfolgte, schmunzelte vergnügt.

Meine Oma, eure Ur-Ur-Oma Emma Steinmeyer war damals schon sehr gebrechlich und benutzte zum Gehen meist einen Hackenstiel, auch blieb sie alle paar Meter stehen und schnappte nach Luft. Auch mein Opa humpelte schon tüchtig. Trotzdem glaubte ich fest daran, dass wir drei irgendwann in luftiger Höhe bei Kaffee, Kakao und Topfkuchen den wundervollen Ausblick über das Sösetal genießen würden.

 

Die Birke ist schon vor langer Zeit gefällt worden, weil sie alt und morsch war. Auch der Schuppen mit dem Brennholz ist nicht mehr da.

 

Natürlich wurde das Bauvorhaben nie in Angriff genommen und auch von meinem Opa und meiner Oma nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Trotzdem träume ich noch heute – nach vielen, vielen Jahren -  in meiner Fantasie von dem wundervollen Baumhaus, sehe zwei alten Leuten und einem etwa zehn Jahre alten Jungen in schwindelerregender Höhe beim Kaffeeklatsch zu und spüre den frischen Sommerwind in meinen blonden Locken.